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Z#9, 2016, 80 x 64 cm, Inkjet print
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Z#6, 2015, 150 x 120 cm, Inkjet print
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Präsenz und Imagination

„Denn es ist ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit, das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint erkannte.“ Walter Benjamin [1]

Als Kind hatte ich die Vorstellung, dass die Farbe auf den Wänden der Zimmer, in denen ich lebte, ähnlich wie ein Tonband alle Geräusche speichern würde, die hier einmal zu hören gewesen waren; dass also nichts verloren gehen würde und dass man mit einem entsprechenden Gerät hörbar machen könnte, was da einmal gewesen war – Kinderplappern, Liebesschwüre, Musik aus dem Radio, konspirative Verabredungen. Ganz abgelegt habe ich diese Vorstellung nie; und wer je in ein Haus, in eine Wohnung einzog, in der zuvor Unbekannte gelebt hatten, wer bei der Renovierung hinter Lagen alter Küchentapeten noch ältere Zeitungen geklebt fand, eine Münze in der Dielenritze und Topfdeckel, alte Schuhe, brüchige Koffer und anderen Plunder auf dem Dachboden, wird sich vielleicht an den eigentümlichen Schauder erinnern, den solche Objektbegegnungen bereiten können: Wo ich bin, waren andere, haben gelebt und einen Alltag gehabt; und dann sind sie verschwunden, ohne mehr zu hinterlassen als einige zufällige, fragmentarische, rätselhafte, unabweisbare Spuren ihrer Existenz. Erst später habe ich verstanden, dass ich mir als Kind eine merkwürdige Totalität wünschte – alles sollte bewahrt, alles zugänglich, alles bedeutsam bleiben, kein Verschwinden, kein Tod sollte endgültig sein. Keiner dieser Wünsche hat sich je erfüllt.

Z#2, 2015, 150 x 120 cm, Inkjet print
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Auf einem Gelände in der Nähe des heutigen Berliner Hauptbahnhofes stand das Ende der 1840er-Jahre errichtete Zellengefängnis Lehrter Straße, in dem vor allem Untersuchungshäftlinge einsaßen. Durch Bomben während des Zweiten Weltkriegs schwer beschädigt, wurden die meisten Gebäude des Komplexes Ende der 1950er-Jahre abgerissen. Erhalten blieben drei Häuser, in denen Angehörige des Wachpersonals und der Administration des Gefängnisses gewohnt hatten. Ein größerer Teil des ehemaligen Areals wurde zwischen 2003 und 2006 zu einem Geschichtspark umgestaltet, um an die im Gefängnis festgehaltenen Widerstandskämpfer zu erinnern – Geistliche, Kommunisten, Verschwörer des 20. Juli 1944. Die Wohnungen in den verbliebenen Häusern wurden vermietet. Eine davon dient Beate Gütschow als Atelier.

RAY 2015. Imagine Reality, Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main, 2015 © B. Gütschow
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Der Park ist eine Form, wie mit einer Vergangenheit umgegangen werden kann, die sich als Geschichte kondensiert hat, zu einem Geflecht also aus Namen, Jahreszahlen und Ereignissen, aus Fakten und Erzählungen, einer Geschichte, die ihre Worte und Bilder hat, die sich mitteilen, überprüfen, formulieren lässt und sich dabei vor allem als abwesende und als bereinigte zeigt. Sie kann in symbolische Monumente umgesetzt werden, zu Gedenksteinen und Pflanzenarrangements, sie kann auch museal repräsentiert werden durch Relikte, banale Alltagsgegenstände, Mützen, Löffel, Bleistifte, die meist keine Auskunft über das Geschehen geben können, sondern ihren Wert als Reliquien zugewiesen bekommen, weil sie zur gleichen Zeit im gleichen Raum gewesen sind, als Geschichte gemacht worden ist. Solche Konstellationen erlauben, sich der Geschichte als Ereignis zu versichern und sie zu bannen, und sie laden ein zu Betroffenheiten und der Behauptung, man habe daraus schließlich etwas gelernt. Aber ob das geht? Ob man aus der Geschichte etwas lernen kann für die Gegenwart? Weniger für vielleicht als über: Eine Gegenwart, die Raum und Zeit ihrer Vergangenheit bevorzugt in die Form von Gedenkorten und -tagen bringt, sorgt dafür, dass diese Geschichte von der Gegenwart gleichzeitig abgetrennt werden kann – als abgelebte, überstandene, als gewesene und zuweilen rituell wieder aufgerufene, als Tradition, als Festtag. Einrichtungen wie der Park mögen dann zwar versuchen, Geschichte ins Präsens und Präsenz zu übersetzen; aber diese Übersetzungen in Blutbuchenhecken, Schlüssellöcher in einer Kletterwand auf dem Spielplatz und übergroße Zeilen aus den Gedichten eines ermordeten Gefangenen werden leicht überwuchert von den beiläufigen Banalitäten des Alltags als Gegenwart.

Z#8, 2016, 150 x 120 cm, Inkjet print
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Z#5, 2015, 150 x 120 cm, Inkjet print
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Dabei ist es gerade der Alltag, in den weniger die Geschichte als vielmehr die Vergangenheit einsickern kann. Die Poren können sich dort öffnen, wo diese Vergangenheit materiell geblieben ist und die Relikte ihrer Zugänglichkeit und ihrer konkreten Funktionen nicht vollkommen beraubt worden sind. Hier geht es dann um Rekonstruktionen im Konjunktiv – so könnte es gewesen sein, so ausgesehen haben. Zwar kommen solche Rekonstruktionen nicht ohne geschichtliches Wissen aus, aber ihr Ergebnis ist keine historistische Festschreibung „wie es denn eigentlich gewesen ist“, sondern ein Oszillieren von Präsenz und Imagination.

RAY 2015. Imagine Reality, Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main, 2015 © B. Gütschow
RAY 2015. Imagine Reality, Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main, 2015 © B. Gütschow

Diese Hybridität wird in den Rekonstruktionen selbst ausgewiesen. Ihnen fehlt nicht nur die fröhliche Zuversicht, mit der Zukunftsbilder wie beispielsweise die simulierten Alltage von Architekturrenderings so gern bevölkert werden, sondern auch die Geschlossenheit solcher Simulationen. Die Bilder sollen die Vergangenheit nicht illustrieren und nicht vertreten; sie verlängern die Wirklichkeiten der Gegenwarten vielmehr in diese Vergangenheiten hinein, für den Moment. Vollständigkeit ist dabei nicht erreichbar, nur skizzenhafte Deutlichkeit, die offen bleibt für die anderen Konjunktive der Vergangenheit: Wenn es so gewesen sein könnte – wie hätte es anders sein können?


Friedrich Tietjen: Präsenz und Imagination, in: Beate Gütschow (Hg.): Beate Gütschow: ZISLS. Heidelberg 2016, S. 105-111.

[1] Walter Benjamin, „Thesen zum Begriff der Geschichte“. In: ders., Gesammelte Schriften, Teil I, Abhandlungen, Bd. 2, hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1991, S. 691–704, hier S. 695.

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