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Landschaft und Heimat. Beate Gütschow

In der zweihundertjährigen Geschichte des Kunstvereins in Hamburg erlangte das Thema von »Landschaft und Heimat« immer wieder Aktualität und zeigte sich, je nach künstlerischer Bearbeitung, oftmals auch gesellschaftlich und politisch konnotiert. Beate Gütschows Arbeit Schuldige Landschaft, die anlässlich von The History Show im Kunstverein gezeigt wird, widmet sich diesem Themenkomplex. Ihren Titel übernahm die Künstlerin vom niederländischen Maler Armando, der im Frühjahr 1989 an der Gruppenausstellung Landschaftsbilder des Kunstvereins teilnahm: »Schuldige Landschaft nannte er eine Landschaft, die Geschehen sah, denn in Landschaften, in der herrlichen Natur, finden oft die grausigsten Aufführungen statt. Schlachten. Meuchelmorde. Mann gegen Mann. Bau und Instandhaltung von Lagern. Baracken. Orte zum Quälen wehrloser Geschöpfe. Die besagte Landschaft hat sich nie darum gekümmert, ist sogar so schamlos gewesen, einfach weiterzuwachsen, es ist eine Schande, ich werde nie aufhören können, davon zu reden.« (Armando)

SL#2, 2017, 65 x 50 cm, Inkjet print
SL#2, 2017, 65 x 50 cm, Inkjet print
SL#3, 2017, 65 x 50 cm , Inkjet print
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SL#7, 2017, 65 x 50 cm, Inkjet print
SL#7, 2017, 65 x 50 cm, Inkjet print

In seinen Arbeiten übersetzt Armando Landschaften in abstrakte Zeichnungen und ungegenständliche Malerei, was er im Rekurs auf die als »entartet« verfemten Avantgarden des beginnenden 20. Jahrhunderts als politisches Statement verstand. Gütschow ihrerseits nutzt die Landschaft, wie sie vor ihre Kamera tritt: Acht Fotografien zeigen jeweils einen Baum. Gemalte Abstraktion und fotografische Dokumentation scheinen einander zunächst auszuschließen. Doch in den fotografischen Abbildern ihrer Serie positioniert sich die Künstlerin zwischen diesen beiden Polen.
Die Landschaft wird in der Fotografie durch Lichtsetzung abstrahiert, die Baumstämme heben sich schemenhaft von einem undurchdringlichen Hintergrund ab. Während so der Informationsgehalt schwindet, bieten die nächtliche Szenerie und der schwarze Fond dem Betrachter erste visuelle Anhaltspunkte und der Titel verweist auf eine undefinierte Schuld. Weitere Informationen zur Serie rekontextualisieren diese Fotografien und die Geschichte des Ortes scheint palimpsesthaft auf: Ein gewöhnlicher Baum wird zum Vermittler der Historie.

The History Show, Kunstverein Hamburg, 2017 © F. Dott
The History Show, Kunstverein Hamburg, 2017 © F. Dott

Die Bäume bilden eine Allee entlang des Weges zu Gütschows Berliner Atelier, das hinter dem Geschichtspark Ehemaliges Zellengefängnis Moabit in einem früheren Wärterhaus liegt. In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts als panoptischer Bau angelegt, ermöglichte diese Architektur die Überwachung sämtlicher Zellen von einem einzigen Standort. Traurige Prominenz erlangte der Bau, als er ab 1940 als Wehrmachtsuntersuchungs- und Polizeigefängnis diente und schließlich von der Gestapo genutzt wurde, um die männlichen Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 zu inhaftieren. Die von Gütschow gezeigten Bäume sind Bestandteil der Gefängnisanlage. Sie stehen zwischen Wärterhäusern und Anstaltsfriedhof, auf dem Gefangene und Wärter gleichermaßen beerdigt wurden. Nur der Friedhof der Wärter ist erhalten, die Friedhofsanlage für die Gefangenen wird heute als Schrebergärten genutzt. Es ist dieser Ort, den Beate Gütschow zum Anlass ihrer künstlerischen und zugleich kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema »Landschaft und Heimat« nimmt. Die Künstlerin problematisiert den Heimatbegriff in seiner Referenz auf die NS-Zeit. Bereits während der Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts zunehmend politisiert, wurde »Heimat« für die Nationalsozialisten zum zentralen Begriff ihrer Blut- und Boden-Ideologie. Die fotografierten Bäume gestalten nicht bloß eine Landschaft, sie sind zugleich Zeugen dessen, was aus dieser Ideologie heraus um sie herum geschah.

Röderer, Fabian und Veronika Zöller: Landschaft und Heimat. Beate Gütschow, in: Kunstverein in Hamburg und Uwe Fleckner (Hg.): The History Show. Reader, Hamburg 2017, S. 28-37.

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