LS

LS#7, 1999, 164 x 116 cm, C-print
LS#7, 1999, 164 x 116 cm, C-print

Larger than Life

Der Park als Sehmaschine: Arkadische Landschaften breiten sich vor dem Betrachter aus. Stattliche Bäume, verträumte Gewässer, säumende Büsche, großflächige Wiesen und sanft ansteigende Hügel lenken den Blick in die Ferne. Leicht erscheint das Hineinfallen und Sich-Verlieren in diese elysischen Gefilde. Man entdeckt sogar verwandte Seelen: Menschen, die in gelassener Kontemplation die Schönheit der Natur genießen.

Contemporary art, permanent collection, Städel Museum, Frankfurt am Main, 2015 © B. Gütschow
Contemporary art, permanent collection, Städel Museum, Frankfurt am Main, 2015 © B. Gütschow

Jedoch: Das Gefühl des Sublimen bleibt aus. Mit dem ersten genaueren Blick ist nicht nur die Jungfräulichkeit der Natur für immer verloren, sondern auch die Unschuld der Wahrnehmung widerlegt. Die hier entworfenen Räume sind schlichtweg zu schön, um wahr zu sein. Schönheit, Wildheit und mögliche Bedrohlichkeit der Natur gehen wie in der Landschaftsmalerei des 17. bis 19. Jahrhunderts ein dekoratives Amalgam ein. Es sind tradierte Bildmuster, die Beate Gütschows Arbeiten abrufen, an Nicolas Poussin (1594–1665), Jacob van Ruisdaels (1628–1682), Claude Lorrain (1600–1682), John Constable (1776–1837) und Philipp Otto Runge (1777–1810) gemahnende Landschaftselemente. Die Sujets der Landschaftsmaler basierten auf einer ideellen Sichtweise der Welt, deren Konstruktionsweisen vor allem das Denken ihrer Epoche widerspiegelten. Von den Künstlern selbst wurden sie jedoch mehr oder weniger absolut gesetzt.

LS#13, 2001, 108 x 85 cm, C-print
LS#13, 2001, 108 x 85 cm, C-print
ganz woanders, Kunsthalle Nürnberg, 2008 © B. Gütschow
ganz woanders, Kunsthalle Nürnberg, 2008 © B. Gütschow

Die Frage der Unterscheidung zwischen Original und Ersatz wird nicht erst in der Welt der modernen virtuellen Gemeinschaft unerheblich, wenn das Leben selbst als künstlich erfahren wird und sich die Vorstellung des Natürlichen als Trugbild erweist. Bereits Jean-Jacques Rousseau ahnte, dass Natur und Natürlichkeit nur Wunschbilder sein können, die Suche nach einer eigenen Naturwahrheit geriet ihm zur Kopfgeburt. Das romantische Idyll, das dem Natürlichen Priorität und eine unmittelbare Seinsweise zuschreibt, war schon immer ein Mythos und bloßer Schein. Natur war zu allen Zeiten eine kultivierte, gestaltete und konstruierte Lebenswelt und die Vorstellung von Natur hat in der Kulturgeschichte verschiedenste Formen angenommen.

LS#10, 2001, 116 x 169 cm, C-print
LS#10, 2001, 116 x 169 cm, C-print

Und bei genauerer Betrachtung erkennt man endlich: Die Tableaus, die Beate Gütschow entwirft, sind Puzzles, zusammengesetzt wie das, was gemeinhin als Wirklichkeit bezeichnet wird. Zu deutlich ist das Nicht-Schöne ausgegrenzt, werden Realität verweigert und Tatsächliches hyper-real. Das Grün der Wiese ist etwas zu satt. Die Baumrinde drängt sich als ein wenig überscharf in den Vordergrund. Das Licht auf den Halmen hat einen anderen Einfallswinkel als das auf der Baumkrone. Kein Dunst trübt die Fernsicht, trotz wolkenverhangenen Horizonts. Die Tableaus zerfallen in ihre kulturell überkommenen Ingredienzen und die Materialien und Werkzeuge rücken in den Fokus des Interesses.

LS, Danziger Projects, New York, 2004 © B. Gütschow
LS, Danziger Projects, New York, 2004 © B. Gütschow

Beate Gütschow fotografiert mit einer analogen Mittelformatkamera Landschaften. Sie digitalisiert die Fotos und konstruiert in Photoshop aus diesem Material neue Landschaften, deren Raumkonstruktion und Kompositionsgefüge die Künstlerin aus der Landschaftsmalerei übernommen hat. Sie manipuliert in diesem nachträglichen Bearbeitungsprozess Licht und Farbe und überträgt die Lichtsetzung aus der Malerei in das Foto. Indem Gütschow Retusche- und Dunkelkammerwerkzeuge, aber keine Malwerkzeuge verwendet, bleibt die Abbildungsoberfläche erhalten und Schnittstellen sind auf den ersten Blick nicht sichtbar. Die digitalen Werkzeuge ermöglichen malerisches Arbeiten, ohne dass das entstehende Bild Malerei ist. Dem Betrachter wird vorgetäuscht, dass es sich um ein ganz gewöhnliches Foto handelt. Allerdings erscheint das gleiche landschaftliche Ideal als Foto vorgetragen unnatürlicher als die gemalte Landschaft. Die Begriffe von Abbildung, Farbe und Licht, die formalen Zuordnungen von Malerei und Fotografie sowie die Grenzziehungen zwischen Inszenierung und Dokumentation werden so in Beate Gütschows Arbeit einem Befragungsprozess unterworfen.

LS#18, 2003, 48 x 67 cm, C-print
LS#18, 2003, 48 x 67 cm, C-print
LS#17, 2003, 116 x 169 cm, C-print
LS#17, 2003, 116 x 169 cm, C-print

Als androidischer Sex-Puppetmaster peitscht George Michael erotische Traum-Girls larger than life durch das Video zu Freeek!: Wunschmaschinen und Love-Cyborgs zugleich, verdrahtet auf die Knie gezwungen und an der Leine geführt. Projektionsfiguren, die sexuelle Fantasien evozieren wollen, potenter als fassbares Fleisch. Real scheint, was technisch machbar ist – eine Tatsache, die die kulturell geprägte Wahrnehmungsorganisation seit jeher bestimmt. Wie dieses Musikvideo, das die Funktionsweisen des Pop- und TV-Business mit ihren sehr einfachen und sehr direkten Reizen lustvoll kommentiert, spielt die Künstlerin Beate Gütschow auf formaler und inhaltlicher Ebene mit der Manipulationskraft der Artefakte.

Nach dem anfänglich schmachtenden Versinken in die Tableaus von Beate Gütschow wird schließlich klar: Das Erhoffte ist möglicherweise nicht zu finden. Der geneigte Betrachter hat sich durch tradierte Schönheitsvorstellungen nur allzu willig verführen und an der digitalen Leine des Deus ex machina hingebungsvoll herumführen lassen. Die Mittel wurden dabei denkbar direkt und kalkuliert eingesetzt. Im amerikanischen Slangwort „Fake“ verbinden sich etymologisch „factual“ (tatsächlich, wirklich) und „fictitious“ (eingebildet, erfunden). Angezogen durch die Sehnsucht nach dem Wahren, Schönen und Guten des Naturzustandes hat sich der Suchende in der Reflexion der Vorstellung verloren: Im Widerschein der idealen Landschaft vollzieht sich ein Entmythologisierung des angeblich natürlich Gegebenen.

PN#1, 2000, 112 x 325 cm, C-print
PN#1, 2000, 112 x 325 cm, C-print

Obwohl sie ihren absoluten Charakter einbüßen, bleiben Natur und das Natürliche als Verhältnisbegriffe gegenüber dem Künstlichen bestehen und widersprechen tapfer der fortschreitenden Tendenz zum Artifiziellen. Denn das Idyll spricht einerseits als hypothetisches Postulat eines „Gut-Seins“ von den ihm gegenüberstehenden tatsächlichen Bedingungen der sozialen Lebenswelt. Und es spricht andererseits vom Schein und davon, dass das mutmaßlich Selbstverständliche und Evidente einzig auf einer zeitspezifischen Verknüpfung von Sehweisen, Denkweisen und materiellen Praktiken basiert. Wie sehr diese füreinander symptomatisch und ausschlaggebend sind, hat Foucault archäologisch und genealogisch ausführlich dargelegt.

LS#15, 2002, 105 x 113 cm, C-print
LS#15, 2002, 105 x 113 cm, C-print

Jenes Spiel historischer Bezüge zeigt Beate Gütschow, indem sie Landschaftsgemälde fotografisch und computergestützt rekonstruiert. Ihre Arbeiten befragen sowohl die technischen Apparate zur Visualisierung als auch die räumliche Organisation des Wissens, die für die gegenwärtige Konzeption des Sehens und das gegenwärtige Denken prägend sind. Beate Gütschow vollzieht die Technologien des Sichtbaren nach, überträgt sie in aktuelle Medien, unterwirft sie Transferierungsprozessen und spiegelt mit diesen Praktiken das laut Foucault Unmögliche: Das Denken des Außen. Die spekulative Rekonstruktion eines angeblichen Naturzustandes lädt ein zur Reflexion zivilisatorischer Prägungen und mithin zur Bespiegelung der Organisation von Wissen.

Die blühenden Landschaften erweisen sich jedenfalls als künstliche Paradiese, deren Wahrheitsgehalt so flüchtig ist wie die im warmen Sommerwind wogenden Gräser. Gerade eine kurze Saison überleben Wahrheit und Thrill medienwirksam getroffener Aussagen. Die Frage nach dem Echten verliert sich im Elysium glänzender Oberflächen.

Between Reality and the Image, The National Museum of Modern Art, Kyoto, 2006 © B. Gütschow
Between Reality and the Image, The National Museum of Modern Art, Kyoto, 2006 © B. Gütschow

Die soziale Lebenswelt ist eine mediale Zivilisationsmaschine, die unser Sehen, unsere Sehn- und Sehsüchte genauso wie die Bühnen unserer Selbstinszenierungen definiert. In Emile entwirft Rousseau ein Erziehungskonzept, das einen „natürlichen“ Menschen anstrebt – jenseits aller Scheinexistenzen, die er sich zulegt, um sein Ansehen in den Augen der anderen aufzuwerten, und durch die er von den Institutionen verformt wird, die den Menschen im Naturzustand als unzivilisierten Wilden und Missgeburt verstehen. Freeek! ist George Michaels erste Single, seit er 1998 wegen unzüchtigen Verhaltens in einer öffentlichen Toilette verhaftet wurde, ein beliebter Schwulentreff. Wenn Soundgewitter und optische Stakkati abklingen, bleibt der Sex-Gott/Cyborg am Ende des Videos erschöpft und schwer atmend zurück.

Anna-Catharina Gebbers: Larger than life, in: Beate Gütschow: ZISLS. Heidelberg 2016, S. 18-26.

Whole Series >>>

LS#3, 1999, 116 x 169 cm, C-print
LS#3, 1999, 116 x 169 cm, C-print