I

Bereit, 2011, 91 x 66 cm, Lightbox
Bist Du bereit?, 2011, 91 x 66 cm, Lightbox
I#10, 2010, 151 x 121 cm, Lightbox
I#10, 2010, 151 x 121 cm, Lightbox

Die Dinge, nackt

Die beiden Gegenstände sind von oben erfasst und etwa in Lebensgröße auf dem leuchtenden Bild wiedergegeben. Die schwarze Kunststoffverkleidung einer Automatikschaltung lässt sich noch leicht identifizieren, die daneben liegende Stange mit den montierten Halterungen und kleinen Apparaturen gehört ebenfalls, so lässt sich vermuten, in die Welt des Automobils. Auch wenn sich ihr Nebeneinander nicht auf den ersten Blick erschließen mag, so hat dieses Bild offensichtlich mit einer Zustandsbeschreibung der Dinge zu tun. Frontal angeblitzt, ausgelegt auf quadratischen Fliesen, deren kaltes Weiß durch das Licht des Leuchtkastens noch verstärkt wird, in dem sich das 91 x 66 cm große Bild präsentiert. „Bist Du bereit?“ lautet sein Titel.

Lost Places, Kunsthalle Hamburg, 2012 © K. Riechers_1
Lost Places, Kunsthalle Hamburg, 2012 © K. Riechers

Für ihre fotografischen Arbeiten der letzten Jahre verwendet die Künstlerin Beate Gütschow Leuchtkästen – einen Bildträger, der als „City Light“ überall im öffentlichen Raum zu finden ist. Die hinterleuchteten Bilder bestechen die Betrachterin und den Betrachter durch ihre Luminosität und ihre Konturschärfe. Auch noch den profansten Produkten verleihen diese Werbemedien eine Form der Aura, denn in ihrem Leuchten spürt man entfernt die einstigen Verheißungen der Kirchenfenster und zugleich das Streben der Moderne nach immateriellen Formen der Bilder. Die Versprechen der Moderne sind auch inhaltlicher Gegenstand von Beate Gütschows künstlerischer Auseinandersetzung. So spiegeln die Stadtlandschaften aus ihrer vorausgegangenen Werkreihe „S“ urbanistische Utopien wider,  die, aus verschiedenen fotografischen Fragmenten real gebauter Architekturen digital zusammengesetzt, neue synthetische Reißbrettarchitekturen ergeben. Diese großformatigen Tafelbilder sind hybride Konstrukte aus fotografischer Abbildung, klassischer Bildauffassung und neuer Form der Bildmontage.

I#11, 2010, 151 x 121cm, Lightbox
I#11, 2010, 151 x 121 cm, Lightbox

Beate Gütschow arbeitet an einer Neuinterpretation von traditionellen Genres bildlicher Repräsentation. Mit ihrer Werkreihe „I“ betritt sie nun, nach dem Verlassen der Landschaft und Stadtlandschaft, den Innenraum, das Interieur, und schließt dabei das Stillleben, die Darstellung von Dingen mit ein. Nichts jedoch haben diese Räume mit den tageslichtdurchfluteten Interieurs der niederländischen Malerei gemein – als zeitgemäße Orte fungieren nun verschiedene „Settings“, die an Fotostudios, Werbeateliers, Labore oder Büros erinnern. Es sind kühle, funktionalistische Räume, in denen die unterschiedlichsten Dinge auf dem Prüfstand zu stehen scheinen oder, im Fall der Fotostudios, zu „Images“ weiterverarbeitet werden. Ein Moment der Pause ist eingetreten, eine kurzer Aufschub, bevor sich die Arrangements möglicherweise neu ordnen werden.

I#1, 2009, 91 x 66 cm, Lightbox
I#1, 2009, 91 x 66 cm, Lightbox
Schneller, 2013, 115 x 90cm, Lightbox
Schneller von heute nach morgen, 2013, 115 x 90 cm, Lightbox

Einige der von ihr fotografierten Objekte sind Bestandteile von Automobilen, herausgerissen aus der Welt der perfekten, designten Oberfläche. Sie sind keine autonomen Dinge mehr, vielmehr alte Organe, die aus einem komplexen Mechanismus entnommen wurden. Etwas ironisch klingen daher die Titel der Bilder, in denen sie nun als Protagonisten auftauchen. Es handelt sich um Zitate aus Werbeslogans, die die Künstlerin auf den Websites verschiedener Hersteller gefunden hat. „Produktpolitik“ hat Beate Gütschow lakonisch eine Ausstellung dieser Arbeiten genannt, in der es um das Nachleben der Dinge geht, wenn sie keine Waren mehr sind.

Produktpolitik, Museum für Photographie, Braunschweig, 2011 © U. Brodmann
Produktpolitik, Museum für Photographie, Braunschweig, 2011 © U. Brodmann

Die fotografischen Konstellationen der Dinge und Geräte bleiben rätselhaft, die Funktion und der Zweck ihres Aufeinandertreffens lassen sich nicht auf den ersten Blick entschlüsseln. War für die Surrealisten das „zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ noch Ausdruck von Schönheit, so wirken die Dinge in Beate Gütschows neuen Arbeiten eher verloren, ohne sinnfällige Einbindung, heimatlos. Diese Hermetik der Dinge steht, wie eingangs beschrieben, in einem eigentümlichen Gegensatz zu der absoluten Präzision und Transparenz, die ihre Präsentation im Leuchtkasten mit sich führt.

Vorsprung, 2012, 150 x 202 cm, Lightbox
Vorsprung, 2012, 150 x 202 cm, Lightbox
Die Zukunft fotografieren, Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, 2014 © H.Rogge
Die Zukunft fotografieren, Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, 2014 © H.Rogge

Transparenz – mit dieser Qualität der fotografischen Abbildung brach die Fotografie der Neuen Sachlichkeit am Ende der 1920er-Jahre in ein neues Zeitalter auf. Vorbei war die malerische Verklärung der Welt, die die Kunstfotografie vor dem ersten Weltkrieg ausgezeichnet hatte. Die scheinbare Unmittelbarkeit der präzisen fotografischen Darstellung entdeckte in den Dingen eine neue Welt der Motive, deren Beschaffenheit es zu erkunden, eine Welt moderner Produkte, die es in Szene zu setzen galt. Ein empathischer Blick zieht sich durch die Bilder der Dinge, als ob sich ihr Wesen so dem Auge der Kamera von selbst offenbaren könnte. Die „objektive Bedeutung“ ihrer selbst, ohne „künstlerische Verwandlung“ (Walther Petry) steht somit am Anfang der modernen Geschichte der Dinge in der Fotografie.

Place(ments), Kunsthalle im Lipsiusbau, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, 2009 © E. Estel, H.P. Klut
Place(ments), Kunsthalle im Lipsiusbau, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, 2009 © E. Estel, H.P. Klut

Wenn die Identität der Dinge heute vor allem darin liegt, zur Ware zu werden, so ändert sich auch ihr Gesicht und ihre Anschauung. In Beate Gütschows Aufnahmen erscheinen sie auf den ersten Blick nackt und kontextlos, doch ist die inszenierende Hand der Künstlerin am Werk, auch wenn dies nicht sichtbar wird. Während die fotografische Räumlichkeit, das Setting der Orte, äußerst genau ins Bild gesetzt ist, so folgt doch die teils beiläufige, teils rätselhafte, teils willkürliche Anordnung der Dinge einer zeitgemäßen Figur des Blicks. In manchen ihrer Konstellationen lässt sich Gütschow von den Fotos inspirieren, die Anbieter auf Ebay von ihren Gegenständen machen und ins Netz stellen, als summarisches Nebeneinander von Objekten, die verkauft werden sollen, aufgenommen mit dem iPhone in der Garage oder im Hobbykeller. So trifft in Gütschows modernen Stillleben das Illusionsdispositiv der Werbefotografie auf den kruden Realismus einer neuen Bildkultur des Internets. In Leuchtkästen präsentiert, erscheinen die Dinge, die ausgedient haben, die fast am Ende ihrer Verwertungskette stehen, als ausgeschlachtete Einzelteile und unheimliche Wiedergänger unserer Konsumkultur.

Florian Ebner: Die Dinge, nackt, in: Beate Gütschow: ZISLS. Heidelberg 2016, S. 76-85.

Whole Series >>>